Klinsmann lädt Nowotny zum Fitnesstest ein
| 23. April 2006 |
Udo Lattek hat einmal gesagt, früher hätte man sich über Jahre hinweg beweisen müssen, um Nationalspieler zu werden, heutzutage dagegen würden ein paar Wochen genügen. Nun sei dahingestellt, welche Bedeutung man dem Urteil von Udo Lattek beimessen kann, aber, mal ehrlich: so ganz falsch liegt er da nicht. Robert Huth zum Beispiel: Er tritt beim FC Chelsea eher sporadisch auf - und dennoch zählt er zum Stammpersonal von Jürgen Klinsmanns Nationalmannschaft. Oder Lukas Sinkiewicz: Der hat mal ein paar gute Spiele gezeigt, doch das ist schon länger her, jetzt steht er mit Köln kurz vor dem Abstieg - in der Nationalmannschaft ist er dennoch festgeschraubt wie ein Schiffskran am Hafen. Oder, und das kommt jetzt noch mehr überraschend: Jens Nowotny.
Klinsmann hat Nowotny eine Einladung zum Fitnesstest - äh, pardon, wohl eher zu diesem Fitnesstest am kommenden Montag geschickt, weil er, so sagt er, “von den Leistungen von Jens in den vergangenen Wochen sehr angetan” ist. Warum nur in den vergangenen Wochen? Mehr Zeit, sich zu beweisen, hatte Nowotny nicht - vier Kreuzbandrisse bringen die Terminplanung eines Profifußballers doch merklich durcheinander.
Eigentlich steht Klinsmann auf junge Spieler, die gerne Emails lesen und SMS schreiben, allein deshalb ist Nowotnys plötzliche Berücksichtigung überraschend. Der Leverkusener ist schon 32, sein Haar wird langsam licht, und sein Knie ist, sagen wir mal: nicht mehr das allerbeste. Immerhin, was für ihn spricht, ist sein Selbstbewusstsein: “Ich gehe davon aus, dass ich beim Fitnesstest eine gute Figur abgeben werde”, sagte Nowotny gestern. Die Nationalmannschaft braucht von sich überzeugte Typen, nachdem Oliver Kahns Nationalstolz von Klinsmann, nun ja, zerhämmert wurde. Und vielleicht macht Klinsmann ja auch alles richtig, vielleicht übersteht Nowotny den Test ohne Kreislaufkollaps und die WM ohne Kreuzbandriss, und vielleicht wird er zur tragenden Person der deutschen Abwehr - sportlich drauf hätte er das allemal. Nur: Klinsmann signalisiert stets, wie wichtig ihm seine Linie ist - doch lässt Mehmet Scholl außen vor und lädt Nowotny ein, obwohl beide in einer ähnlichen Ausgangslage sind, was für den einen spricht, spräche auch für den anderen.
Christian Wörns hat gestern gesagt: “Wenn, dann muss er seine Linie durchziehen.” Wörns ist zwar etwas befangen, wenn es um Klinsmann geht, aber man muss ihm da Recht geben - auch wenn man das genau so ungern tut wie bei Udo Lattek.

nimm lieber den scholli mit!