Deutschland siegt und feiert
| 25. Juni 2006 |
Angela Merkel war wieder auf der Tribüne gestern Abend, und als sie nach dem Spiel zu den vorangegangenen 90 Minuen befragt wurde, sagte sie: “Meine Erwartungen haben sich unglaublich erfüllt. Und ich glaube auch daran: Jetzt fahren wir nach Berlin - und dann hoffentlich nach Dortmund.” Das hat sie geschickt formuliert, einerseits gesprochen wie Volkes Stimme, die während des gesamten Turniers immer wieder ruft: “Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin!”, andererseits realistisch geblieben und keine von überschwappender Euphorie hervorgerufene Erwartungshaltung genährt, die nur ein Erreichen des WM-Finales in Berlin akzeptieren würde. Das Viertelfinale ist auch in Berlin, schön, sagt Merkel also, dass Deutschland schon mal dort ist - der Gegner heißt Argentinien, weshalb das Halbfinale in Dortmund tatsächlich schon eine Zugabe wäre. Obwohl: So wie sich Klinsmanns WIR-SIND-EIN-TEAM-Mannschaft gestern beim 2:0 im Münchner Achtelfinale gegen Schweden präsentiert hat, ist ein erneuter Auftritt auf dem Rasen von Berlin am 9. Juli nicht mehr ausgeschlossen.
Deutschland darf also - entgegen aller Prophezeiungen von vor zwei Wochen - wieder stolz sein auf seine Fußballspieler. Und Deutschland ist mächtig stolz: Es singt und jubelt und schwenkt die Fahnen, es klatscht und hüpft und malt sich an. In München war gestern kein Besucher zu finden, der nicht wenigstens die deutschen Farben irgendwo am Körper aufgetragen hatte, die meisten waren mit Trikots oder Deutschland-T-Shirts ausgestattet. Und dann die Hymne: Alle sangen mit. Während dem Spiel wurde die Hymne auf den Rängen sogar noch einmal angestimmt - ein Privilieg, das man als Deutscher bislang wie selbstverständlich verachtete und das nur den Engländern vorbehalten schien. Seit zwei Wochen aber ist alles anders: Die Deutschlen feiern sich und ihr Land, sie sind offen und locker und umarmen die Welt - und singen die Hymne, wann immer sie wollen. Neulich war die Hymne sogar in der Münchner U-Bahn zu hören.
Wenn die deutsche Partystimmung eine hellauf blühende Blume ist, die höher wächst und schöner ist als alles andere um sie herum, dann ist die Leistung der Nationalmannschaft der Nährboden, auf dem sie sprießt. Deutschlands Fußballer zeigen mitreißende Spiele bei dieser WM, ein so torreiches Eröffnungsspiel wie nie zuvor, ein unglaublich spannendes 1:0 gegen Polen, ein souveränes 3:0 gegen Ecuador, und jetzt ein von ununterbrochenem Offensivdrang getragenes 2:0 gegen chancenlose Schweden. Argentinien ist zwar der Turnierfavorit, weil die Brasilianer schwächeln und Maradona auf der Tribüne lauter schreit als jeder Gästefanblock, aber es sollte sich dennoch in Acht nehmen: Die Pflanze Deutschland ist wandlungsfähig, es kann auch, wie Irlands Nationaltrainer Staunton sagt, “ein gefährliches Tier” sein. Die deutschen Fußballer und ihre singenden Fans ergeben eine Kombination, die nun tatsächlich Titelreif sein könnte.
Oder, um es mit den Sportfreunden Stiller zu sagen:
54, 74, 90, 2006, und so stimmen wir alle ein: Mit dem Herz in der Hand und der Leidenschaft im Bein werden wir Weltmeister sein.
