Hommage an den Bundestrainer
| 9. Juli 2006 |
Als Angela Merkel ihn umarmte und drückte, als habe sie einen jahrelang vermissten Freund wieder gefunden, da tat sie es stellvertretend für die gesamte Nation: Alle wollten ihn nach dem 3:1-Sieg im Spiel um Platz drei gestern umarmen, Jürgen Klinsmann, den sie noch vor wenigen Monaten am liebsten fort gejagt hätten. Doch jetzt ist er ein Held, er hat die deutsche Mannschaft dazu gebracht, ein Turnier zu spielen, das Deutschland noch nie erlebt hatte: Ein Turnier voller Euphorie und Spielfreude, voller Unterhaltung und Emotionen. Deshalb sagt SCHLUSSMANN.DE: Mach et, Klinsi! Eine Hommage an den Bundestrainer.
Franz Beckenbauer bringt alles immer am Besten auf den Punkt. Was er denn zu Klinsmann gesagt habe, als er ihm bei der Ehrung für den dritten Platz die Hand geschüttelt habe? “Du musst weitermachen, Jürgen, hab ich gesagt, Du muss jetzt einfach weitermachen.” Und Klinsmann? “Er hat etwas zögerlich reagiert”, sagt Beckenbauer. Das sah so aus: Beckenbauer hat sein charmantes Lächeln aufgesetzt und Klinsmann sein verlegenes Kleine-Jungen-Grinsen, er war geschmeichelt durch das Kompliment des Mannes, der noch vor nicht all zu langerZeit zu denen gehörte, die ihn kritisierten, wenngleich der “Kaiser” dies auch weitaus vorsichtiger und zurückhaltender tat als manch anderer. Klinsmann sagte, er wolle alles “noch mal sacken lassen”, mit seiner Familie sprechen und sich dann entscheiden, ob er weiter macht. Fast ganz Fußball-Deutschland versucht ihn nun zum Bleiben zu überreden, und den wenigen Stammtischbrüdern, die immer noch sagen, Klinsmann solle doch nach Kalifornien zurückgehen und jeder andere hätte bei dieser Heim-WM den gleichen Erfolg gehabt, denen rufen wir zu: Oh, Ihr Ahnungslosen!
Keiner hätte den Mut aufgebracht, die alten und starren DFB-Strukturen zu verändern, sich eben nicht dem Willen des Verbandes und der Bundesliga zu beugen, sondern seinen eigenen Weg zu gehen.
Keiner hätte den Mut aufgebracht, den Betreuerstab nach zum Beispiel in Amerika längst üblichen professionellen Standards zu erweitern, mit Psychologen und Fitnesstrainern auszustatten und nicht auf die altbackenen Fußballer zu hören, die auch gerne mal sagen, dass es so was wie Muskelfaserris damals, “zu unserer Zeit”, ja auch nicht gab.
Keiner hätte den Mut aufgebracht, zuzugeben, dass es Bereiche gibt, in denen andere kompetenter sind (Trainingsgestaltung) und diese Bereiche bereitwillig an andere zu übergeben (Joachim Löw) - und damit ein Team zu schaffen, dass über Entscheidungen spricht und sie gemeinsam trifft, ohne unnötige Monarchie, ohne störende Eitelkeiten.
Keiner, außer ein Bundestrainer, der nicht im Bild-Einzugsgebiet lebt. Keiner, außer Jürgen Klinsmann.
Zugegeben: Es hätte auch keiner den Mut aufgebracht, Spieler wie Mike Hanke zu nominieren, und Klinsmann ist trotz allen Jubels nicht fehlerlos geblieben. Mit Mehmet Scholl hätte möglicherweise eine der guten Freistoßmöglichkeiten zum Erfolg geführt. Aber: Man kann ihm das nachsehen, mühelos sogar, weil die Nationalmannschaft mit so viel Schwung und Spielkunst aufgetreten ist wie selten zuvor. Weil er Methoden und Gesten eingeführt hat, die großartig sind (Ansprachen der nicht eingesetzten Akteure vor jedem Spiel, Spalier stehen für die Spieler gestern Abend). Und weil er mit seiner motivierenden Art die Spieler dazu gebracht hat, eigenständig kreativ zu werden (Bowling-Jubel).
Natürlich werden diejenigen, die ihn jetzt hochjubeln, ihn wieder beschimpfen, wenn es schlechter läuft. Und es wird auf jeden Fall eines Tages wieder schlechter laufen - aber Jürgen Klinsmann hat etwas getan, das ihn von seinen Vorgängern unterscheidet: Er hat eine Basis geschaffen, einen neuen, fruchtbaren Boden angelegt, auf dem sogar Spieler wie David Odonkor zu Helden heranwachsen können.
In zwei Jahren ist die EM in Österreich und der Schweiz. Die deutsche Mannschaft wird dabei zu den Favoriten zählen, die Spieler werden besser sein und cleverer, es werden neue hinzugekommen sein. Das Projekt Nationalmannschaft aber kann nur gut weitergehen, wenn sein Leiter bleibt.
Deshalb rufen wir: Mach et, Klinsi! Bleib Bundestrainer! Und denk daran: W-I-R S-I-N-D E-I-N T-E-A-M!
