| 22. August 2006 |
Iris Hellmuth ist bekennender HSV-Fan und freie Journalistin, sie schreibt für die Süddeutsche Zeitung und den stern. Für SCHLUSSMANN.DE wird sie zur Schlussfrau, und als solche kommentiert sie jeden Dienstag das wöchentliche Fußballgeschehen. Heute Teil elf ihrer Kolumne, oder: “Boulahrouz von hinten genießen”.
Irgendwann wird jeder Fußballfan mal zu Friedrich dem Großen. Der sagte einmal: „Je mehr ich von den Menschen sehe, desto lieber habe ich meinen Hund.“ Nun ist nicht bekannt, ob wirklich jeder Fußballfan in Deutschland ein Haustier hat. Es liegt aber nahe, weil eine Studie im Jahr 2004 ergeben hat, dass Haustierhalter gesünder leben und das auch müssen, weil eine andere Studie vor Jahren ergeben hat, dass ein Fußballspiel so ziemlich das stressigste ist, was ein Mensch sich antun kann. In 90 Minuten erhöht sich der Wert des Stresshormons Kortisol ungefähr um das dreifache. Heute würde Friedrich der Große wahrscheinlich sagen: „Je mehr ich von den Fußballern sehe, desto lieber habe ich meinen Hund.“
Es ist nicht überliefert, wie hoch die Kortisol-Konzentration im Blut von Khalid Boulahrouz gewesen ist, als er sich mit José Mourinho über seinen Wechsel vom HSV zum FC Chelsea einigte. In diesen bewegten Zeiten möchte man fast aufschreien: Boulahrouz gedopt – Transfer ungültig. Aber mit dem Schreien haben sie’s ja hier nicht so, die vornehmen Hanseaten. Führen lieber ihren Hund an der Elbe Gassi und scheinen den Wechsel mit Fassung zu tragen. Hat irgendjemand Tomas Ujfalusi vermisst? Oder den Gelkopf van Buyten? Ich nicht. Plünderungen haben Tradition in Hafenstädten. Da liegt die Schmerzgrenze eben hoch. Als Thomas Doll 1991 zu Lazio Rom wechselte, brachte das dem Verein 15 Millionen DM. Wovon der sich nicht viel kaufen konnte (war ohnehin pleite), die Fans aber noch viel weniger. Von Khalid Boulahrouz bleibt wenigstens die unerreichte Beschreibung seines Mannschaftskollegen van der Vaart. Er sagte: „Was er macht ist unglaublich. Ich genieße es von hinten.“
Unwürdig war im Falle Boulahrouz eigentlich nur die Art und Weise, wie man’s erfahren musste. So irgendwie zwischen Tür und Angel. Ich zum Beispiel war am Samstagmorgen gerade mit dem Transfer zwischen Frühstück und Bett beschäftigt, da wollte ich im Internet noch kurz den ersten Einsatz von Michael Ballack bei Chelsea checken. Na ja. Der Rest ist bekannt. Bin dann ziemlich geknickt Richtung Bett geschlichen, hab kurz nach draußen geguckt, wo mein orangener Kater gerade mit irgendwas beschäftigt war, was ich ohnehin nicht verstehe – auch nach drei Jahren Katzenbesitzen nicht. Ist eigentlich wie mit dem HSV. Obwohl, komisch sah der Oskar schon aus, so von hinten. Irgendwie wie ein dicker Innenverteidiger, etwas behaart und im Hollandtrikot.
