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 17. Oktober 2006

Iris Hellmuth ist bekennender HSV-Fan und freie Journalistin, sie schreibt für die Süddeutsche Zeitung und den stern. Für SCHLUSSMANN.DE wird sie zur Schlussfrau, und als solche kommentiert sie jeden Dienstag das wöchentliche Bundesligageschehen. Am vergangenen Wochenende hat sie Piotr Trochowski getroffen, nach dem Spiel des HSV gegen Schalke. Teil 16 ihrer Kolumne ist also eine Art Liebeserklärung an den HSV-Mittelfeldmann und trägt den Titel “Schüchtern, so wie ich”.

Piotr Trochowski wollte nicht darüber reden. Wie die vergangene Woche so für ihn gewesen sei, wollte ich wissen, nach dem Spiel gegen Schalke 04, diesem wirklich hundsmiserablen Spiel gegen Schalke 04, denn was interessiert einen die Bundesliga, wenn man im Jahr 2006 über das Debüt eines Nationalspielers sprechen kann? Piotr Trochowski sagte genau ein Wort dazu: “Alltag.” Er stand da, aufrecht wie ein Zinnsoldat, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, und sagte dieses eine Wort. Er machte eine Pause und schaute ernst, er kann das gut, dieses Ernstschauen. Dann sagte er: “Jetzt zählt die Bundesliga. Mit der Nationalmannschaft befasse ich mich, wenn ich noch mal eingeladen werde.” Punkt. Blick über die Schulter. Nächste Frage.

Ich habe meinen Block zugeschlagen, den Stift in die Tasche gesteckt, in meinem Rücken drängelten sie ohnehin schon. Die Fragen zum Spiel. Themen gab es ja genug: Der verlorene Schuh von Boubacar Sanogo, der verschossene Elfmeter von Boubacar Sanogo, der Platzverweis von David Jarolim. Wieder kein Sieg für den HSV. Nur mir war das alles nicht wichtig. Ich muss auch dazu sagen, dass ich nicht besonders gut bin in solchen Situationen. Wenn ich Fußballprofis in Mixed-Zones treffe, werde ich oft zu genau dem verschüchterten Mädchen, das ich in der Schule so gehasst habe. Dann stehe ich vor einem Oliver Kahn und weiß schon vor meiner Frage, dass er sie schlicht finden wird, anfängerhaft und überflüssig. Mit Piotr Trochowski in Hamburg war das anders. Er behandelte mich nicht herablassend. Er wollte einfach nicht darüber sprechen. Rostock und Bratislava waren Lichtjahre von ihm entfernt. Er wirkte erstaunlich abgeklärt dabei.

Denn es war ja so: Vor meinen Augen saß er immer noch da. Auf der Pressekonferenz nach dem Spiel gegen Georgien, die hohen Wangenknochen ausgeleuchtet vom gleißenden Scheinwerferlicht, die schwarzen Brauen wie zwei französische accents über die Augen gefurcht. Wenn Piotr Trochowski spricht, dann hat seine Stimme einen sanften Klang, nur manchmal erklingt diese harte “r”, das seine polnische Heimat verrät. Als er nach dem Spiel neben Pressesprecher Harald Stenger saß, sah er nicht aus wie ein angehender Nationalspieler. Sondern eher wie ein russischer Eiskunstläufer, der auf das Urteil der Punktrichter wartet. Der Bruch hätte größer nicht sein können. Kurz zuvor hatte an seinem Platz noch Bastian Schweinsteiger gesessen. Unbekümmert und selbstbewusst hatte er die Einladung von Jogi Löw angenommen, von nun an Leitwolf der Jungspieler zu sein; Bastian Schweinsteiger ist selbst 22 Jahre alt, es war eine fast absurde Situation. Das Wort “Spaß” kam in jedem Halbsatz vor, den er sagte. Zwischendurch lachte er sein glucksendes Schweini-Lachen.

Piotr Trochowski hat nicht ein einziges Mal gelacht während der Pressekonferenz in Rostock. Dafür formte er schöne Sätze, die einen Anfang hatten, eine Mitte und ein Ende. Piotr Trochowski ist kein Poldi und kein Schweini. Er ist kein Spaßfußballer, dazu hat er nie die Unbekümmertheit eines Jungstars erfahren. “Ich glaube, ich habe meine Sache ganz gut gemacht heute”, sagte er ruhig, der 21-Jährige, und später, als er von Journalisten umringt in der Mixed-Zone stand, schaute er sie nicht einmal an. Er blickte auf den Boden. War das wirklich derselbe Trochowski, der eben noch kraftvoll wie ein Kampfhund kluge Pässe in die Spitzen gespielt hatte?

Piotr Trochowski hätte gegen Schalke fast das Tor zum 2:2-Ausgleich geschossen, ein fantastischer Freistoß war das in der 89. Minute. Doch auch darüber wollte er nicht sprechen, als er wie in Rostock vor einer Traube von Reportern und Kameramännern stand.

Und erst da kam mir plötzlich ein Gedanke: Vielleicht ist Piotr Trochowski einfach schüchtern. Vielleicht ist er derselbe schüchterne Junge, den ich in der Schule immer so gemocht habe.

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Bisher gibt es 5 Kommentare zu diesem Beitrag
1.

Von Hauihnrein am 18.10.2006 um 18:45

Super Artikel. Bin aber froh dass ich kein Journalist bin. Hätte keinen Bock den Kahn zu interviewen.

2.

Von Iris am 19.10.2006 um 10:39

danke! hab den kahn ja auch noch nie interviewt, nicht dass das hier falsch verstanden wird. um gottes willen, so wichtig bin ich leider nicht. kam ihm nur mal entgegen in der bayern-mixed-zone und hab ihn gefragt, ob er seine duschsachen im kofferraum vergessen hatte oder warum er nochmal zum auto musste nach dem spiel. mann, kann der verächtlich gucken… war vielleicht auch nicht der beste spruch, geb ich zu

3.

Von PauLa am 23.11.2006 um 19:45

haha der war geil mit kahn ;P aber kommen witr zu trochowski er ist soooooooooooooooooooooooooooooo sweet

4.

Von Melanie am 13.02.2007 um 21:58

Also der Text war echr richtig geil und trifft genau zu. Hab mich ja schon ab und an mit ihm unterhalten. Es ist einfach fakt das er schüchtern ist und das mit dem “r” trifft auch zu. Der negative aspekt an der sache das so eine Nominierung ein Mensch verändert.

5.

Von Kristin am 23.04.2008 um 18:46

Der negative aspekt an der sache das so eine Nominierung ein Mensch verändert.
Was meinst du damit Melanie?
Piotr Trochowski ist auch schüchtern, guter beitrag.

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