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 25. Juni 2006

Iris Hellmuth ist freie Journalistin in München, die WM verbringt sie beim “stern” in Hamburg. Für SCHLUSSMANN.DE kommentiert sie die WM aus ihrer exklusiven Frauensicht - immer sonntags und mittwochs. Heute Teil fünf oder: “Übertragungsfehler in der sozialen Isolation”.

Die Sache mit dem Deutschlandspielgucken ist ja so: Trifft man sich mit vielen Freunden zum Grillen im Garten, ist die Gefahr groß, dass man vom Spiel nicht allzu viel mitbekommt. Denn irgendwas ist ja immer. Jochen, gibst du mir bitte den Ketchup rüber? Anne, willst du noch Chips? Knut, ist dein Vater Glaser? - Warum? - Weil du gerade direkt vorm Fernseher stehst. - Ach, hoppla. So hört sich das an, wenn’s schlecht läuft. Und wenn’s drei Mal hintereinander schlecht läuft, sollte man sich vielleicht überlegen, seine Guckgewohnheiten zu ändern. Das habe ich getan. Ich beschloss, das Achtelfinale Deutschland gegen Schweden allein zuhause zu schauen.

Es muss ja nicht zwangsläufig heißen, dass man unbeliebt ist, nur weil man alleine Fußball guckt. Ich habe da kein Problem mit, lieber konzentriere ich mich im Stillen auf Taktik und Aufstellung; auf mich hört ja ohnehin niemand. Pünktlich um 17 Uhr liegt alles bereit: Das Kicker-Sonderheft, Apfelschorle und Chips - und, natürlich, mein Handy. Schnell noch die Beine ausstrecken, Brille aufsetzen, die Ruhe vor dem Sturm genießen.
Während die Hymnen laufen, piept das Handy zum ersten Mal. “Na, was tippst du?”, lese ich auf dem Display. Verdammt, das weiß ich doch nicht. Ich gebe keine Tipps ab, das dauert bei mir immer ewig! Okay, eine Ausnahme. Ich tippe: “2:1.” Während ich noch im Sprachmenü nach der Zahleneingabe suche, fällt das erste Tor. Super! Ich hab’s verpasst. Ich schicke den Tipp weg, lege das Handy zur Seite. Zum Glück gibt es Wiederholungen.

Drei Minuten später: Wieder eine Nachricht. Mein Kumpel Hinni schreibt: “Wir werden Weltmeister.” Was soll ich darauf antworten? Ich antworte: “Ja.” Lege das Handy wieder hin, denke nach und finde: Eigentlich ein lustiger Gedanke. Den könnte ich jetzt mal in der Welt verbreiten. An wen? Ich suche die Nummern zusammen, höre noch wie Béla Réthys Stimme lauter wird, sehe aus dem Augenwinkel wie Klose Poldi die Kugel zuschiebt, drücke auf Senden - “Übertragungsfehler” - Moment! - 2:0. Wieder verpasst.

Wie blöd, ein Spiel in Wiederholungen zu gucken, für das man absichtlich in die soziale Isolation gegangen ist. Bis zum Ende der ersten Halbzeit zähle ich zehn SMS in meinem Posteingang. Ich muss anfangen, alte Nachrichten zu löschen. Langsam rege ich mich auf. Denn: Dass ich zehn SMS in 30 Minuten bekomme, liegt ja nicht daran, dass ich viele Freunde hätte. Sondern daran, dass Menschen, die gerade im Stadion sind, von einem seltsamen Sendungsbewusstsein befallen sind. Was haben die eigentlich so vom Spiel? Ich schaue auf den Bildschirm, wo zwei Drittel des Stadions damit beschäftigt scheinen, LaOla-Wellen aufzuwirbeln. Mein Handy schließt sich der Begeisterung an - und piept. “Es perlt!”, schreibt mein Kumpel Thorsten.

Ich fange an zu lachen. Denn langsam dämmert mir die Erkenntnis des Tages: Dieses Spiel allein zu gucken, war die dümmste Idee dieser WM. Ein bisschen Schwund ist eben überall. Aber wenn ich die Wahl habe, nehme ich doch lieber den Ketchup vor die Nase. Fußball alleine ist echt doof.

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