FC Bayern gewinnt das Pokalfinale 1:0
| 30. April 2006 |
Einmal im Jahr freuen sich die Menschen an der Berliner Flatowallee auf guten Fußball in ihrer Nachbarschaft: Einmal im Jahr ist das DFB-Pokalfinale der Frauen und Männer im sonst selten benutzten Berliner Olympiastadion. Dann kommen die Frauen von Turbine Potsam und FFC Frankfurt hierher, dazu die Männer vom FC Bayern München, die auch immer eine andere Mannschaft mitbringen, mit der sie ein bisschen Fußball spielen. Am Schluss können die Berliner mit den anderen Fans zusehen, wie die Frauen aus Potsdam und die Männer aus München den DFB-Pokal hochheben, wild herumspringen und sich mit viel Alkohol übergießen. Gestern Abend war es wieder so: Potsdam hat nach einem 2:0-Sieg über Frankfurt zum dritten Mal in Folge den Pokal geholt, Bayern nach einem 1:0-Sieg, ebenfalls über Frankfurt, weshalb festzustellen wäre, dass die Stadt Frankfurt möglicherweise Leverkusen den Rang als Immer-die-Nummer-zwei-Stadt abgelaufen hat. SCHLUSSMANN.DE hat die Chronologie des Pokalfinales aufgeschrieben.
Vor dem Spiel. Das Olympiastadion ist ausverkauft, klar. Im Münchner Lokalradio sind Reporter zu hören, die mit sehr lauter Stimme gegen den Lärmpegel kämpfen, einer spricht von der “Crème de la crème des FC Bayern”, die gleich den Rasen betreten werde. Keiner spricht von den Frauenfußballerinnen und keiner von Franz Beckenbauer. Dafür aber fast alle von Michael Ballack.
Kurz vor dem Spiel. Beckenbauer spricht selbst. Er steht im Fernsehstudio des ZDF, zusammen mit Moderator Johannes B. Kerner, Jürgen Klopp und Urs Meier, dem ehemaligen schweizer Schiedsrichter. Meier klingt irgendwie lustig, wenn er spricht, weil Schweizer immer ein bisschen lustig klingen, aber dafür klingt er auch sehr kompetent. Klopp kommt auch sehr kompetent rüber, und ziemlich lässig. Beckenbauer klingt, nun, ja gut äh, wie Beckenbauer eben.
Anpfiff. Das Spiel geht los. Nach drei Minuten versucht Roy Makaay, den Ball aufs Tor zu bringen, was ein wenig kläglich aussieht. Man hat so ein beklemmendes Gefühl, dass das 63. Pokalfinale wohl eher nicht in die Geschichte eingehen dürfte. Die Frisur von Michael Ballack sitzt gut.
Gleich Halbzeit. Bayern ist besser in einem schlechten Spiel. Ballack trifft den Ball nicht richtig. Von Beckenbauer ist noch nichts zu hören. Muss ja auch nicht immer sein.
Halbzeit. Naja. Die Bayern gehen in die Kabine, Ballack blickt ernst wie immer. Beckenbauer kommt wieder ins Fernsehstudio. Guter Zeitpunkt, Bier zu holen. Viel Bier.
Zweite Häfte. Das Bier ist weg, Beckenbauer auch erst mal, das beklemmende Gefühl von vorhin aber nicht. Es wird nur kurz schwächer: Als Makaay mit einer Art Seitfallzieher den Ball aufs Tor schießt. Schöne Szene.
Es läuft. Bayern ist immer noch besser. Auf der Tribüne ist Angela Merkel zu sehen, mit blauem Blazer. Wo ist eigentlich Ballack?
59. Minute. Tor. Tor! Bayerns Claudio Pizarro macht per Kopfball das 1:0, die Flanke kam von Zé Roberto. Ballack jubelt auch mit.
64. Minute. Köhler fällt. Der Frankfurter wurde von Willy Sagnol am Kinn getroffen, Schiedsrichter Fahndel lässt weiterlaufen. Die Frankfurter regen sich auf, zwei Physiotherapeuten rennen mit Köfferchen auf den Platz zu Köhler, der einen Schneidezahn verloren hat. Die Szene kommt gefühlte 38 Mal in Zeitlupe. Fahndel sagt später, man müsse sich bei so einer Szene “tausendprozentig sicher sein, weil es dann ja rote Karte geben müsste”. Er hat eine gute Entscheidung getroffen.
Immer noch die 64. Minute. Amanatidis ist nicht zu beruhigen, obwohl Ballack sein Bestes gibt: Er baut sich vor ihm auf und lässt ihn seinen Atem spüren. Na also. Ballack spielt ja doch mit.
87. Minute. Amanatidis schießt den Ball aus der Drehung aufs Tor, Kahn zuckt mit der linken Hand und erhält das 1:0. Dann ballt er die Faust, schreit und tritt gegen den Pfosten. Torhüter jubeln eben anders. Später wird Amanatidis sagen, man könne ja nicht damit rechen, “dass der Kahn da so einen unfassbaren Reflex raushaut”. Stimmt.
Schlusspfiff. Ein langweiliges Spiel ist zu Ende. Bayern ist Pokalsieger. Kahn zupft sich die Hose zurecht, dann nimmt er den Pokal entgegen. Magath schaut irgendwie gelangweilt. Die Spieler nicht. Sie jubeln sich in Rage, ziehen ihre Trikots aus und überschütten sich mit Weißbier. Ballack auch. Hat nen erstaunlichen Bizeps bekommen, der Mischi. Seine Frisur sitzt immer noch. Das ist komisch.
Nach dem Spiel. Lucio und Zé Roberto hüpfen mit einem Plakat durch die Gegend, auf dem steht: “Jesus ist der Weg und die Wahrheit und das Leben”. Aha. Haben sie bestimmt nicht selbst geschrieben.
Im Studio. Beckenbauer ist wieder da. Er sagt, er habe eigentlich damit gerechnet, Magath würde Ballack auswechseln, “damit er seine Kräfte für Chelsea sparen kann”. Als Ballack dazu befragt wird, weicht er erst aus, dann sagt er: “Was soll ich dazu sagen, äh, also wenn der Franz das so sagt”, er unterbricht und lacht verlegen. Beckenbauer lacht auch, er sagt: “Er weiß, das ich Recht hab.” Die Bayern draußen auf dem Platz rennen immer noch mit den Weißbiergläsern umher und feiern und tanzen. Der DFB-Pokal ist wertvoller geworden seit der Schmach von Mailand.
Im Sportstudio. Kahn und Pizarro kommen später, erst einmal geht es beim ZDF um die Frauen von Turbine Potsdam. Sitzen da alle frisch geduscht und gestylt. Die 18-jährige Isabell Kerschowski erzählt von ihrem Tor. Als sie spricht, denkt man: Die könnte gut zu Lukas Podolski passen.
Am Tag danach. Die Bayern trainieren schon wieder, Restalkohol rausschwitzen. Am Mittwoch können sie Meister werden. Heute aber spricht jeder noch über Ballack und Beckenbauer und die Sätze, die gestern Abend gefallen sind.
Eigentlich ist doch alles so wie immer.
